Riesenseerose: Pracht für zwei Nächte

24 Stunden lang süß duftendes Gefängnis für Käfer

Riesenseerose Victoria
Copyright: Bernd Kulow

Sie ist wohl eine der eindrucksvollsten Pflanzen überhaupt: die Riesenseerose Victoria, benannt nach der Queen Victoria. Die Victoria Amazonica ist im Amazonas und seinen Nebenflüssen zu Hause. Ihre Blätter erreichen einen Durchmesser von mehr als drei Meter.

Mit hohen Gummistiefeln ausgestattet, kommen wir in immer sumpfigeres Waldgebiet. Das Vorankommen wird beschwerlicher, Äste versperren den Weg, Wasserlöcher werden tiefer. Mit einem Boot sind wir den Amazonas von Iquitos aus hochgefahren. Iquitos ist die größte Stadt der Welt ohne Straßenanbindung. Um nun mit unserem Holzkanu durch das wirre Geäst und Gestrüpp zu kommen, geht es an vielen Stellen nicht weiter ohne die Machete zu benutzen. Doch wir lassen uns davon nicht abschrecken. Die Aussicht eine Riesenseerose zu sehen, lässt uns die Unannehmlichkeiten ertragen. 

„Lobo“, unser indianischer Führer, lässt sich von keinem Hindernis abhalten und schließlich zeigt er auf einen wunderschönen kleinen, flachen See direkt vor uns. Und dort auf dem Wasser schwimmen sie, die von der Natur so genial konstruierten Blätter der Riesenseerose.

Im Kanu in den Dschungel
Auf der Suche nach den Seerosen im Dschungel-Sumpf in Peru                                         Copyright: Bernd Kulow

24 Stunden Gefängnis für Käfer

Die Blüten der Victoria – sie werden bis zu 40 cm im Durchmesser – öffnen sich mit Einbruch der Dämmerung, zunächst für eine Nacht. Dabei verströmt die große, weiße Blüte einen besonderen Duft, der die Käfer anlockt. Ist ein Käfer in das tiefe Innere der großen Blüte hineingelangt, schließt sie sich und hält den Käfer für 24 Stunden gefangen. Am nächsten Abend öffnet sich das Käfergefängnis wieder und der Käfer entflieht seiner süßen Zelle. Der Käfer aber ist nach dem Gefängnisaufenthalt nicht mehr derselbe. Die Blüte hat ihn mit Blütenstaub vollständig eingedeckt.

So trägt der Käfer nun den Blütenstaub zur nächsten weißen, duftenden Blüte der Seerose. Die Blüte selbst aber hat sich rosa gefärbt und ist damit für Käfer nicht mehr verlockend. Die rosa Blüte verschwindet nun nach zwei Tagen unter der Wasseroberfläche. Ihre Aufgabe hat sie erfüllt und ihre Pracht ist nach zwei Tagen vergangen.

Seerose Victoria
Riesenseerose im sumpfigen Amazonas in Peru                                                                       Copyright: Bernd Kulow

Der Botaniker Richard Schomburgk fand um 1840 als erster Europäer im damaligen britischen Guyana diese gewaltige Seerose. Schomburgk benannte die Seerose nach der englischen Königin, der das Gebiet damals unterstand. Die Seerose Victoris regia wurde zum Stolz eines jeden botanischen Gartens. Ja, die Victoria löste ein wahres Seerosen-Fieber aus: Viele Botanische Gärten bauten eigene Victoria Häuser.

Vorbild für den Kristallpalast in London

Kristallpalast London
Haupteingang des Crystal Palace im Londoner Hyde Park, Schauplatz der Great Exhibition von 1851, der allerersten Weltausstellung.
Zeitgenössischer Stich; Bild-PD-alt, von Wikimedia.

Zwei Arten der botanischen Monarchin gibt es: Victoria amazonica (früher Victoria regia) im Amazonas und seinen Nebenflüssen und die etwas kleinere Victoria cruziana vom Flussgebiet des Rio Paraná mit höher gewölbten Blatträndern. Die riesigen Blätter mit ihrem leistenförmigen Stützgewebe auf der Blattunterseite sind perfekte Leichtbaukonstruktionen und können bis zu 60 Kilogramm Gewicht tragen.

Im 19. Jahrhundert war die Beschaffenheit der Blätter der Seerose Vorbild für viele technische Leichtbauten wie dem Kristallpalast in London. Und damit wurde die Victoria amazonica zu einer der ersten Pflanzen, deren Eigenschaften Ingenieure für die Entwicklung neuer Technik nutzten. So ging sie in die Geschichte der Bionik ein, dem Fach, das sich mit dem Übertragen von Phänomenen der Natur auf die Technik beschäftigt. Den Kristallpalast eröffnete man zur ersten Weltausstellung 1851 im Hyde Park in London. Nach Ende der Weltausstellung versetzte man den Palast in einen großen Park in Sydenham. Ein großes Feuer zerstörte den Kristallpalast dann allerdings 1936.

Vollendete Symmetrie

Der viktorianische Botaniker Richard Spruce schilderte die Seerose mit den Augen der damaligen Zeit: „Als ich die Pflanze vom Ufer herab betrachtete, hatte ich zunächst den Eindruck, auf eine Vielzahl schwimmender grüner Tabletts zu blicken, zwischen denen hier und da ein Blumenstrauß hervorragte.

Seerose Victoria
Struktur der Blätter: Vorbild für technische Leichtbauten                                                  Copyright: Bernd Kulow

Beim näheren Hinschauen konnte man jedoch nur die gewaltige Größe und vollendete Symmetrie der Blätter bewundern. Ein aufwärts gerichtetes Blatt lässt an ein seltsames Gefüge aus Gusseisen denken, des gerade aus dem Schmelzofen kommt, und seine rötliche Farbe und die riesigen Rippen, die es verstärken, lassen die Symmetrie noch deutlicher werden.“

 

Der bekannte britische Tierfilmer und Naturforscher David Attenborough berichtet für BBC World über die Riesenseerose: Die Pflanze lässt die Blätter so groß wachsen, um möglichst viel Sonnenlicht einzufangen. Der Bericht zeigt in Zeitlupe, wie die Blätter wachsen und sich auf der Wasseroberfläche immer weiter ausbreiten. Die Ränder der Blätter stellen sich auf, um sich von den konkurrierenden Blättern abzugrenzen. So können die Blätter nicht übereinander geraten. Meist bedecken die Riesenseerosen die gesamte Oberfläche eines Sees, so das praktisch nichts anderes mehr dort wachsen kann. Vögel stolzieren auf den Blättern herum und finden dort ihre Insekten Mahlzeiten. 

Quellen:

Über Bernd Kulow 108 Artikel
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