Faultier: vom Schimpfwort zum Kosewort

Sich entschleunigen wie ein Faultier

Schimpfwort Faultier Sloth amazonas
Tauchgurke [Public domain], via Wikimedia Commons

Faultiere sind beliebt wie nie. Diesen Eindruck jedenfalls vermitteln die schönen Fotos und Videos der Dschungel Tiere im weltweiten Netz. 

Noch vor nicht allzu langer Zeit war Faultier das von Lehrern allseits geliebte Schimpfwort für schlechte Schüler. Heute hat sich das Faultier zum Vorbild der Entschleunigung unseres Alltags gemausert. Ein enormer Wechsel in der Bewertung. 

Dazu zeigen Fotos von niedlichen Faultier Babys hohe Klickraten und Likes. Von Faultieren lassen sich offenbar leicht Fotos erstellen, auf denen diese wirken wie süße Haustiere. 

 

Im Fell ein Heer von Kleintieren

Diese Bilder allerdings stellen eine beschönigte Realität dar. Oder? Jedenfalls möchte wohl niemand Faultiere im Dschungel streicheln und liebkosen. Denn das Fell ist alles andere als hygienisch-sauber. Sie haben kein weiches Haustierfell zum Streicheln. Im filzigen Fell der Faultiere lebt ein ganzes Heer von Kleintieren mit allem was ganz natürlich dazu gehört. So fanden Zoologen im Fell eines Faultiers 978 Käfer vier verschiedener Arten. Dazu neun Nachtfalterarten sowie verschiedene Zecken- und Milbenarten. Zudem tragen die Haare mikroskopisch kleine Grün- und Blaualgen. Also nicht das wahre Fell zum liebkosen. 

Doch das Fell hat es in sich. Denn Forscher vermuten Mikroorganismen in dem filzigen Fell der Faultiere. Aus diesen biotischen Substanzen wollen sie neue Antibiotika herstellen. Denn die werden dringend gebraucht. Immer mehr Krankheitskeime werden mittlerweile resistent gegenüber den bekannten Antibiotika. 

Schimpfwort Faultier

Als Fleiß noch ganz oben auf der Werteliste vor allem der Lehrer und Erzieher stand, hatten die Faultiere wahrlich kein positives Image. Im Gegensatz: Für viele Lehrer war es das liebste Schimpfwort. Oft mit genüsslichem Lächeln und sarkastischem Tonfall ausgesprochen. 

Nun aber gilt fleißiges Auswendiglernen nicht mehr als die Sahne der Bildung. Das Schimpfwort Faultier ist out. Kreatives Denken ist gefragt. Und auch soziale Kompetenz wird höher bewertet als fleißig Vorgekautes zu lernen. Reines Vokabel pauken ist out. Bedeutungen von Wörtern der Fremdsprache lernt man durch Songs, Filme oder jedenfalls aus dem Kontext heraus.

Inbegriff der Entschleunigung

Der Wertewandel hat zwar das schulische Faultier nicht gänzlich aus der negativen Bewertung entlassen. Doch erstens wird abhängen, sich baumeln lassen, richtig ausschlafen als wichtig angesehen. Besonders weil Wissenschaftler die positive Wirkung dieser Eigenschaften der Faultiere wissenschaftlich untermauert haben. Und darüber hinaus haben die Medien ein neues Modewort entdeckt: Die Entschleunigung. 

Welches Tier drückt dies besser aus als das ewig langsame Faultier? Konsequenter Weise stellt das Faultier jetzt den Inbegriff der Entschleunigung dar. Das Faultier wird sich gewiss weiter verbreiten, in Werbung, Kindermedien und als Illustration. Dazu lebt in der Literatur auch noch das Riesenfaultier. Das starb vor 10.000 Jahren aus. Doch Zoologen glauben, es existieren noch Exemplare im unerforschten, dichten Dschungel.

Und die große Schriftstellerin Isabell Allende hat ein Jugendbuch daraus gemacht. Also Faultiere euer Dasein ist in unserer Kultur gesichert. Und euer Name ist auf dem Weg vom Schimpfwort zum Kosewort zu werden. Anders sieht es dagegen im Regenwald aus. Der Lebensraum der Faultiere schrumpft immer weiter. 

 



Über Bernd Kulow 118 Artikel
Als Journalist gestalte ich diese Webseite. Gearbeitet habe ich für dpa, DIE ZEIT, stern, Frankfurter Rundschau, Hörfunk und Fernsehen. Der Regenwald hat mich von klein auf fasziniert. Mehrfach war ich in Mittel- und Südamerika unterwegs. Dabei hat der Amazonas Dschungel den stärksten Eindruck hinterlassen. Heute lebe ich als freier Journalist, Fotograf und Webdesigner im schönen Freiburg. Ich danke allen, die über die Werbebanner und -links bestellen. Damit unterstützen Sie meine Arbeit für diese Webseite ohne selber Nachteile zu haben. Wir dürfen diesen wertvollen Wald nicht weiter vernichten. Action! Tun wir etwas dagegen.

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