Meine Reise in den Amazonas

Auf der Ferry

So hatte ich mir die Amazonas-Ferries nun doch nicht vorgestellt. Die Hängematten sind überall im Weg, kreuz und quer, neben- und übereinander blockieren sie den Gang übers Schiff. Man muss sich bücken oder auf allen vieren kriechen, um auf dem Schiff voran zu kommen.

Wer keine Hängematte ergattern konnte, schläft unter den Hängenden auf dem vibrierenden Boden. Draußen fährt der Vollmond mit und lässt den Amazonas bis ans Ufer glitzern.

Aus den Hängematten ragen Füße, manchmal die Schuhsohlen, dann nackte Füße.

Treffpunkt ist der kleine Kiosk in einer Ecke des Kahns, davor ein großer Tisch, von dem die weiße Farbe längst abgeblättert ist und nur einen Rest gelassen hat. Wie alles ist auch der Tisch schmutzig-dreckig.

Die Jugendlichen, denen ich zugetraut hatte, dass sie nur auf mein Gepäck scharf waren, um es im geeigneten Moment zu entwenden, zeigen ein ganz anderes Gesicht. Der eine, den Schirm seiner Mütze im Nacken, ein Kassettenradio immer dabei, mit nur einer Kassette, die er immer gleich wieder umdreht und von vorn beginnen lässt. Damit hat er sich ein kleines Zuhause eingerichtet. Er nimmt einen Teil des Tisches in Beschlag und zeichnet, den Kopf weit über das große Schulheft gebeugt, zeichnet er Portraits und dann unsere Ferry. Hin und wieder bleibt einer stehen, schaut ruhig und kommentarlos auf seine Zeichnungen.

Nebe ihm beginnt ein anderer junger Mann in der Bibel zu lesen. Der Finger wandert über die Zeilen und auf seinen Lippen formen sich die Wörter.

Eine Ecke des Tisches hat eine Mutter von vier oder mehr Kindern in Beschlag genommen. Eine Plastikschüssel voller Reisballen, mit Fleisch gekocht und in Bananenblätter gewickelt, versucht sie erst ihre Kinder damit satt zu bekommen und verkauft die anderen. Die Kinder mit großen strahlenden Augen spielen unterm Tisch. Arm sind die Menschen, aber sie versuchen auf anständige Art mit ihrer Armut zurecht zu kommen. Alle scheinen ruhig und manchmal auch reflexiv.

Ich fühle mich an diesem Tisch zu Hause, wie ein Familientisch, ein WG-Tisch. Wir hatten die letzten Teller Reis bekommen, in dem kleinen Kiosk existiert offenbar ein Herd. Alles ist schmutzig, klebrig, dreckig, auch das bringt Armut mit sich.

Welche Kinder haben nicht genug zu essen, hungern? Gestern abend schien mir ein Junge in einem ungewöhnlich dreckigen und kaputten T-Shirt, dessen Knochen aus dem Stoff zu ragen schienen, unterernährt. Sollte ich ihm extra etwas zu stecken?

Ich bin froh, dass wir Lobo als Führer genommen haben. Er scheint sehr sympathisch und kompetent, ist 33 Jahre und hat Frau und drei Kinder. Er kommt aus dem Selva und ist froh, mit Touristen im Wald arbeiten zu können. „Ich brauche den Wald. Hier bin ich lieber als in Iquitos, der Stadt“.

Versprochen war allerdings eine Kleingruppe von uns beiden, nun aber ist ein peruanischer Uni-Dozent hinzugekommen. Der scheint sehr freundlich und ist bestimmt eine Bereicherung, allerdings wurden damit die Abmachungen nicht eingehalten.

Manchmal schaut nur ein Ohr aus der Hängematte. Was man auf so einem Amazonas-Dampfer wahrnimmt, was man schreibt, das könnte ein Kult-Trend werden. Das Amazonas-Dampfer Gedicht.

Hängematten, Ohren, Füße und Hände. Kinder kriechend durch das Gewirr der Matten.

Jetzt versucht der Junge neben mir mein Gesicht zu zeichnen, er schaut immer mal rüber und ich erkenne mich in Umrissen bereits wieder.

Heute waren wir noch im Zoo am Flughafen: Jaguare und Puma sind in winzigen Käfigen eingesperrt.

Wir wachen auf, es ist bereits hell. Das Schiff hat schon angelegt. Ich springe schnell aus dem Kajütenbett und greife die Videokamera. Komisch, einige Sachen werden an Land gebracht, aber irgendwie scheint dies nicht unsere Station. Das Boot legt wieder ab. Lobo winkt, es sind seine Frau und seine Kinder. Hier wohnt er, doch wir fahren weiter.

Wir fahren den Ucayali hinauf. Es ist anders, als sie uns gestern in ihrer Agentur in Iquitos erzählt haben, demnach müssten wir um 4 Uhr morgens ankommen. Nun soll es Nachmittag werden. Dafür fahren wir direkt zur Isla de mujeres. Ursprünglich sollten wir 4 Stunden mit einem kleinen Boot einen kleinen Fluss hinauf fahren. Es scheint alles nicht so zu sein, wie versprochen. Hoffentlich wird es ein Aufenthalt im echten Virgin-Forest.

Das Fährschiff legt ab und an kurz an einer kleinen Siedlung an. Eine riesige Kiste voller Eis wird an Land gezogen. Eis, um die Fische frisch zu halten.

Am Ufer tauchen immer wieder kleine Ansammlungen von mit Reet gedeckten Häusern auf. Nur am Ufer gibt es Siedlungen, dahinter existiert nur Wald, angeblich noch Primärwald.

In Ufernähe wird sogar Reis angebaut, allerdings nur im Sommer, wenn der Fluss nicht viel Wasser führt. Auf den sumpfigen Inseln und Landzungen, die dann entstehen.

Für Zoraida heißt es nun die Zeit zu überbrücken. Viele auf dem Schiff schlafen weiter in ihren Hängematten. Zoraida träumt schon vom Strand in Piura und zweifelt am Sinn dieses Unternehmens. Sie fühlt sich um das schöne Geld betrogen.

Ein Österreicher Leopold Fröhlich, ist ncoh an Bord, auch er mit einem Führer. Er macht in Boston als Biologe und Genetiker an der Uni Karriere, war in La Paz und Cusco.

Wir gleiten den Ucayali hoch. Der Himmel ist bewölkt, aber es ist warm und die Wolken lassen das Licht durch. Der Fluss ist braun und voller Baumstämme und Äste. Von den Ufern reißt der Fluss ständig Erde und Pflanzen mit.

Lobo erzählte in Iquitos, dass der Amazonas sein Bett in den letzten 20 Jahren völlig verlegt hat. Damals floss er bei Iquitos noch anders. Es gibt seltsamerweise kein Wasser, nur Nescafe und die immer gegenwärtigen Inka-Peru-Getränke.

Die Bäume an den Ufern sind nicht besonders hoch. Es könnte auch die Elbe sein, der Ucayali ist allerdings viel breiter.

Kinder hängen überall herum, aber sie sind ruhig, zurückhaltend.

Nächster Tag auf der Fähre

Es ist alles nicht wie vereinbart. Wir fahren immer noch, zum Glück regnet es nicht, sondern jetzt scheint sogar die Sonne. Zoraida ist etwas genervt, sie mag nicht auf die Toiletten gehen.

Hier sieht man nichts vom Urwald, aber angeblich ist nur der Küstenstreifen Sekundärwald, hin und wieder Bananen, Papayafarmen, Reisanbau im Sommer. Hütten oder gar größere Orte, zum Teil mit Stromgenerator, die Fähre liefert Diesel.

Durch das stetige Gleiten den Fluss entlang fühle ich mich an Journy into the Heart of Darkness erinnert, aber wir scheinen nicht weiter in den Dschungel zu kommen. Die Ufer verändern sich nicht.

Die Menschen sind alle ruhig und geduldig. Die tropische Vegetation gleitet am „Fenster“ vorbei. Grün, alles ist grün. Das ständige, üppige Wachstum, abgelöst vom Regen oder Trockenheit. Hier ist alles durchschaubar, verständlich, eine einfache, offene Welt des Alltags. Die Außenwelt muss für die Menschen hier ein großes Rätsel sein. Wie stellen sich die einfachen Menschen hier Europa vor?

Wir sollten angeblich schon heute in der Frühe in Requena sein, jetzt ist die Ankunft auf den frühen Abend gesetzt, hat man uns beschwindelt oder war es ein Missverständnis?

Hier am Ucayali entsteht jedenfalls durch die Kultivierung kein Ödland.

09. Februar 2004

 

Wir sitzen in diesem kleinen Boot mitten in der Wildnis fest. Man darf sich nicht stark bewegen. Der Motor streikt. Delphine, schwarzes Wasser wie Motoröl, aber doch klar.

Mosquitos ! Nur im Mosquitonetz scheint man sicher. Wir flüchten ins Netz. Da draußen formieren sich ganze Geschwader, die die Nacht über versuchen werden, zu uns vorzustoßen, die nichts anderes im Sinn haben, wie unser Blut. Ab und an flattert eine Fledermaus um unsere Mosquitonetze. Zoraida schläft. Ich spüre plötzlich eine Stich am Zeh, der kann nicht von draußen kommen. Es müssen Mosquitos im Netz sein. Allein der Lärm der Mosquitos hält mich wach.

Auf der Fähre: „No transportamos Gasolina!“ Und ein Ratte.

Wie sollen sie das Dorf finden im Dunkeln ist das Ufer kaum zu erkennen, die Vegetation sieht überall gleich aus.

Die Wahnsinns-Dschungel-Fahrt: Bäume versperren den Weg. Welche Hilfe ist die Machete!

Zuerst sind wir sauer. In dem Dorf wollen sie Geld von uns. Dann verabschiedet sich zum Schluss der technico de medico als Tio/Hermano und hat seinen Spaß. Er hat offenbar gemerkt, dass ich ihn ernst genommen habe. Sie verstehen natürlich nicht, dass wir keine Kinder haben. Kinder sind hier überall, auch im tiefsten Dschungel. Auch jetzt schauen sie mir interessiert zu.

PV Huami Isla, Tor zum Reservat. Die Moskitos!

 

Sauer, weil der Motor streikt, wir Wasser aus dem kleinen Boot schöpfen müssen und die Zeit vergeht. Wir sehen die Delphine.

Moskitos: Angeblich stehen sie auf blau, schwarz und rot. Die Farben weiß oder khaki dagegen lassen sie kalt.

Wir tanzen den MoskitoTanz, niemals still halten, Bewegung ist alles, mit Unterhemden und Handtüchern schlagen wir um uns.

Die Dschungeltour, verschlungenes Grün, wenige Blüten, Vögel kreischen. Dies ist keine Turistentour, wir sind eher auf einer Expedition.

Lobo arbeitet uns den Weg frei. Wenn der Motor aus ist, hören wir den Dschungel.

Wie eine Abenteuerreise – nur der Motor stört und wir brauchen nicht selbst zu arbeiten, nicht selbst zu organisieren.

Mit zwei Einbäumen als Anhängsel durch den Urwald, dann entfernen sich die Einbäume mit Eduard und Lobos Bruder. Die Insekten fallen ins Boot, Spinnen, Käfer, Moskitos quälen uns.

Jetzt noch raus in die Nacht, Krokodile in der Nähe suchen. Zur Belustigung aller ziehe ich mir meine Jacke mit Kapuze an.

 

Zum Glück hatte der Alligator schon Dinner gefunden und einen dicken Bauch, so war er friedlich. Wie schnell ihn Lobo fing, konnte ich nicht erkennen. Es hatte leicht geregnet. Wir fahren zu viert mit dem Boot in die Nacht. Glühwürmchen leuchten, es sind nicht die Augen der Alligatoren. Ich habe keine Vorstellung von der Größe und der Gefahr, aber mir ist nicht wohl dabei. Wir bleiben nicht in der Mitte des Flusses, sondern bewegen uns langsam immer mehr ans Ufer, fahren praktisch in den Busch, Wasserpflanzen.

Dann leuchtet Lobo auf eine Stelle im Busch. Ich kann von hinten aus dem Boot nichts erkennen. Eduard filmt mit der Videokamera. Plötzlich klatscht es im Wasser. Schneller als ich es erkennen kann, hat Lobo den kleinen, dicken Alligator in der Hand. Später nehme ich ihn auch in die Hand. Der Sound der Tropen, aber die Moskitos sind hier draußen in der Nacht endlos aggressiv. Eduard und ich haben unsere Regensachen an, mit Kapuzen, aber nichts hilft. Sie stechen sogar durch die Hose.

Zwei Alligatoren: blanco y negro.

Wir sind am Rio Yanayacu, der fließt in den Maranon.

Die zwei Einbaum-Boote liegen zwischen den Pflanzen am Ufer. Die beiden Brüder bauen unser Lager, bereiten das Essen vor. Alles wird mit der Machete gemacht: Kartoffeln geschält, Gurken geschnitten, Tomaten geschnitten, dünne Bäume gefällt. Sitzgelegenheiten gebaut, Feuerholz geschnitten, Ananas serviert.

Neben der aufgehängten Wäsche ein Termitennest. Wir schieben die Borke vom Baum und darunter wimmelt es von Termiten. Wenn man sie zerdrückt und auf der Haut verreibt, hilft das gegen Moskitos, zumindest kurzzeitig. In das Termitennest hat ein kleiner Papagei ein Nest hineingebaut.

Oben im Baum haben wir ein Faultier ausgemacht, aber es bewegt sich nicht – so faul ist es. Auch als wir gegen den Baum schlagen, bewegt es nur ganz langsam und träge seine Gliedmaßen, aber es bleibt oben im Laubwerk an einer Stelle hängen.

Auch hier in dem kleinen Fluss taucht der rosa Delphin vor uns auf. Affen sind hinten oben in den Bäumen schemenhaft zu erkennen.

Aras fliegen kreischend oben zwischen den Bäumen davon, immer zu zweit.

Das Essen steht auf dem Feuer und der Holztisch nimmt Form an. Es ist heiß, wir haben so wahnsinniges Glück, dass es nicht regnet. Auf unserer Kanutour durch den Wald sprang ein Alligator vor uns davon.

Und wir haben ihn gesehen: den blauen Morpho. Er flog groß und blau uns entgegen. Seine Farbenpracht hebt sich ab gegen das dauernde Grün. Kein anderer Schmetterling ist so auffällig.

Zoraida ist ganz zerstochen, vor allem am Po. Die Moskitos sind die große Plage, sonst wäre hier Massentourismus, aber wer soll diese Viecher aushalten!

In den zwei Einbäumen gleiten wir ruhig durchs Dickicht. So müssen die Indianer Jahrhunderte und Jahrtausende lang im ganzen Amazonasbecken vorangekommen sein. Die völlige Ruhe. Lobo äfft die Affen nach und die antworten oben aus den Baumkronen.

Die beiden Brüder machen einen dunklen Ton, um die Alligatoren anzulocken. Manchmal weiß man nicht, ob die Brüder sich antworten, oder ob ein echter Alligator einen Laut von sich gegeben hat.

Der Urwald ist nicht gepflegt wie ein botanischer Garten. Hier lebt das junge Grün neben dem Vertrockneten, verwesenden Material. Dazwischen Spinnen und alle Arten von Insekten, die in unser Boot flattern, hüpfen, fallen.

 

 

Bernd Kulow
Über Bernd Kulow 155 Artikel
Als Journalist gestalte ich diese Webseite. Gearbeitet habe ich für dpa, DIE ZEIT, stern, Frankfurter Rundschau, Hörfunk und Fernsehen. Der Regenwald hat mich von klein auf fasziniert. Mehrfach war ich in Mittel- und Südamerika unterwegs. Dabei hat der Amazonas Dschungel den stärksten Eindruck hinterlassen. Heute lebe ich als freier Journalist, Fotograf und Webdesigner im schönen Freiburg. Ich danke allen, die über die Werbebanner und -links bestellen. Damit unterstützen Sie meine Arbeit für diese Webseite ohne selber Nachteile zu haben.Wir dürfen diesen wertvollen Wald nicht weiter vernichten. Action! Tun wir etwas dagegen.

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