Nehberg: Abenteuer mit Sinn

Einsatz für Menschenrechte

Abenteuer mit Sinn Rüdiger Nehberg mit Bernd Kulow
Die Veranstaltungen von Rüdiger Nehberg faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Hier nach einer Veranstaltung in Bonn.

Rüdiger Nehberg, der bekannteste Abenteurer Deutschlands, ist mit über 80 Jahren agil und mitreißend wie immer. Mit seinen Vorträgen will er informieren und durchaus auch unterhalten.

Rüdiger Nehberg ist tot (1. April 2020). Er war ein echter Charakter-Mensch. Er gab seinem Leben einen Sinn und hat ihn in die Tat umgesetzt. Er wird fehlen, uns und vielen Menschen in der Welt. 

Und er erfüllt im Laufe des Abends beide Ansprüche. Wenn es um seine Abenteuer mit Sinn geht, um Aktionen bei denen den Zuhörern der Ekel packt oder die Angst im Gesicht steht, dann löst er dies sofort mit Humor auf. Kein Herausstellen seiner Person wegen der unglaublichen Dinge, die er durchgestanden hat. Es sind schließlich Situationen, denen er sich freiwillig ausgesetzt hat, niemand zwang ihn dazu.

Der Würmer-Fresser

Doch es bleibt nicht alles im Ungefähren der Abenteuer. Damit fing indes wohl alles an. Mit 50 Jahren trat er aus seinem etablierten Leben als Großbäcker in Hamburg heraus. Ihm war es nicht genug, einen wirtschaftlich gut gehenden Konditoreibetrieb in der Hansestadt zu führen. Und dass, obwohl er es auch noch verstand, auf die bunten Seiten der Zeitungen zu kommen. Denn er hatte als Konditor immer eine zündende Idee. „Es stellte mich aber nicht zufrieden“, erinnert er sich.

Bergsteigen übt er nicht an einer Club-Kletterwand, sondern an der Decke seiner Backstube. Dort hat er die Haken eingedübelt und schwebt über dem Teig. So unkonventionell ging es dann auch weiter. Er bekommt Wind von der Survival-Bewegung in den USA, ist begeistert und importiert, wie er sagt, das Survival-Wissen nach Deutschland. Sein erstes Survival-Erlebnis wird eine Wanderung ohne Essen oder Geld durch Deutschland, von Hamburg bis nach Obersdorf.

Er will sich allein von der Natur ernähren und da bleibt nicht viel, außer Insekten. In den Zeitungen wird er zum Würmer-Esser und versteht es, durch die Ekelgefühle Aufmerksamkeit zu erlangen.

Hajo Schumacher im Gespräch mit Rüdiger Nehberg. Der erzählt aus seinem ereignisreichen Leben. Dabei offenbart er seine Angst und seinen Ekel. Dann berichtet er von insgesamt 25 Überfällen auf sein Leben, davon zahlreiche im Dschungel Brasiliens. 

Verbrechen der Goldsucher öffentlich gemacht

Doch er gibt sich nicht zufrieden mit solchen Survival-Aktionen, will Abenteuer mit Sinn. Er bindet seine Abenteuerlust stärker an den Einsatz für Menschenrechte. In Brasilien hört er von den Yanomamis im Amazonas, einem der letzten noch frei lebenden Indianervölker. Von diesem Volk leben über 20.000 Menschen in einem Urwaldgebiet so groß wie die Schweiz, angeblich geschützt durch einen Militärgürtel vor Eindringlingen.

In den letzten 50 Jahren wurden 20 Prozent des Amazonas Regenwalds vernichtet. Ein Hauptgrund: Die Rodung unter anderem für den Goldabbau, aber auch für Holz und Diamanten. Der Reichtum an Bodenschätzen hat zigtausende Goldgräber angelockt, die ihr Stück vom Regenwald haben wollen. Der Reporter von Galileo reiste 2019 vor Ort, um zu recherchieren, welche Folgen der Raubbau tatsächlich hat?

Doch Nehberg erfährt bald, dass tausende von Goldsuchern in das Indianergebiet eindringen. Er macht sich selbst zu ihnen auf. Dort erlebt er sie nicht als „edle Wilde, wie Karl May erzählt hatte“, sondern als „Ballerköpfe genauso wie wir“. Doch es gibt keine Luxus, keinen Reichtum, keinen Fortschritt und keine Hektik. Trotz der Probleme mit den Weißen nehmen die Indianer Nehberg freundlich auf.

ruediger nehberg bei yanomami
Copyright: Nehberg

Bald erkennen sie in ihm einen Freund und der Hamburger beginnt sich für sie zu engagieren. Denn die Indianer haben keine Chance gegen die 65.000 bewaffneten Goldsucher, die in ihr Gebiet eindringen. Mit dem Dokumentarfilmer Wolfgang Brög mischt er sich zwischen die Goldsucher. Die beiden geben sich als Goldsucher aus und lassen sich in ein Camp fliegen.

Dort filmen sie heimlich, was die Goldsucher im Indianergebiet anrichten. Damit setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Denn die Goldsucher und ihre Hintermänner verstehen keinen Spaß mit denjenigen, die sich gegen ihre Interessen stellen. Mit ihrem Dokumentarfilm aber können sie schließlich die Verbrechen der Goldsucher öffentlich machen.

Abenteuer mit Sinn: Erfolg für die Yanomami

Die Wirkung des Films aber stellt Nehberg nicht zufrieden. Er sucht nach einer Aktion, um die Medien weltweit auf die Bedrängnis der Yanomamis aufmerksam zu machen. Im Oktober 1987 startet der Abenteurer eine Reise über den Atlantik allein in einem Tretboot.

ruediger nehberg allein im Dschungel
Copyright: Nehberg

Mitten auf dem Atlantik bricht der Funkkontakt ab, Nehberg gilt in Deutschland wochenlang als verschollen. Nach 42 Tagen Einsamkeit erreicht er die Küste Brasiliens. Insgesamt setzt er sich 18 Jahre lang für die Yanomami ein. Er erreicht sogar, dass der Papst ihn persönlich empfängt. Zudem findet er Gehör bei der UNO und der Weltbank.

ruediger nehberg im amazonas
Copyright: Nehberg

Lange herrschte Frieden im Gebiet der Yanomami-Indianer in Brasilien. Nehberg hatte gewiss einen großen Teil dazu beigetragen. Seine erfolgreiche Strategie: Abenteuer mit Sinn. Die brasilianische Regierung musste schließlich das Reservat der Indianer gegen die Goldgräber schützen. Nur so blieben die Rechte der Indianer gewahrt und die gewaltsamen Konflikte nahmen ein Ende.

Doch jetzt sind die Yanomami wieder bedroht. Wieder fallen Goldsucher in ihr Gebiet ein und vergiften die Flüsse. Denn sie benutzen Quecksilber, um das Gold zu gewinnen. Doch die Weltöffentlichkeit scheint ihren Fokus auf andere Brennpunkte zu richten.

Gerade jetzt aber zeigt ein neues Fotobuch – herausgegeben vom Museum für Moderne Kunst Frankfurt – einen ganz besonderen Blick auf die Yanomami. Claudia Andujar öffnet mit ihrem künstlerisch-dokumentarischen Fotos eine andere Perspektive auf die Ureinwohner. Das Buch „Morgen darf nicht gestern sein“ enthält Texte, darunter ein längeres Interview mit der Fotografin, auf deutsch und englisch.

Krankenstationen für die Waiãpi

Nehberg initiierte ein neues Projekt bei Waiãpi im brasilianischen Amazonas-Gebiet. Für die Waiãpi errichtete er mit seiner Organisation TARGET mehrere Krankenstationen. Die erste kleine Krankenstation im zentral gelegenen Dorf Comunidade Triangulo Amaparí (CTA) wurde bereits 2003 gebaut. Seither sind weitere entstanden.

„Mit dem aktuellen Projekt „Urwaldklinik“ unterstützen wir den Wunsch der Indigenen, selbstbestimmt in ihrem angestammten Wald leben zu können. Für uns ist dieses Projekt ein wertvoller Beitrag, um die Rechte der Indigenen zu schützen, das Leben im Wald nachhaltig zu unterstützen und so den Amazonas-Regenwald zu erhalten“, heißt es in der Projektbeschreibung.

Laut CNN leben noch 1.500 Waiãpi in 92 Dörfern. Durch die Waldbrände sind diese Indigenen besonders in ihrer Existenz bedroht. Ihr Gebiet befindet sich in einem brasilianischen Naturreservat. Vor 50 Jahren hatten sie zum ersten Mal Kontakt mit Weißen.

Mit seiner Organisation TARGET setzt er sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung ein. In Afar, in Äthiopien, betreibt die Organisation ein Hospital.

Quellen:

Über Bernd Kulow 168 Artikel
Als Journalist gestalte ich diese Webseite. Seit 2 Jahren bin ich freischaffender Filmemacher unter dem Namen MANGO-Film (www.mango-film.de). Gearbeitet habe ich für dpa, DIE ZEIT, stern, Frankfurter Rundschau, Hörfunk und Fernsehen. Der Regenwald hat mich von klein auf fasziniert. Mehrfach war ich in Mittel- und Südamerika unterwegs. Dabei hat mich vor allem der Amazonas Dschungel beeindruckt.

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