Bayerischer Botaniker Martius vor 200 Jahren im Amazonas

3.500 Tierpräparate aus dem Dschungel

Morenia
Morenia Pöppigiana by Carl Friedrich Philipp von Martius, "Der schöne Schein" exhibition of replicas of well-known artwork in the Gasometer in Oberhausen

Nicht die Gier nach Gold trieb den bayerischen Botaniker Philipp von Martius an. Doch weshalb nahm er drei Jahre lang die Dschungel-Strapazen auf sich? 

Mit der Aufklärung und der Entwicklung der wissenschaftlichen Weltsicht hatte sich die Wahrnehmung Amazoniens geändert: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts waren es in erster Linie Wissenschaftler, die den Amazonas und seine Nebenflüsse befuhren. Sie wollten dieses unbekannte, rätselhafte grüne Universum erforschen. Einer von ihnen war der Botaniker Martius. 

Alexander von Humboldt hatte mit seiner langjährigen Forschungsreise in den Amazonas das Tor geöffnet. Später folgten ihm viele Forscher, darunter eine große Zahl deutscher Wissenschaftler. Sie waren nicht mehr von Gier nach Gold und Phantasien von Sagen umwogenden Amazonen getrieben. Statt dessen trugen sie umfassende Sammlungen der Flora und Fauna zusammen.

Zudem beobachteten sie die Gebräuche der Indianer und ordneten Fakten und Zusammenhänge. Dadurch brachten sie Licht in das – aus europäischer Sicht – völlige Dunkel des Amazonas-Dschungels. Denn dieser galt damals vor allem als grüne Hölle

Im Auftrag des bayerischen Königs

Einer der größten deutschen Forscher nach Humboldt war Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868). Jedenfalls verehren die Brasilianer den bayerischen Botaniker heute noch. Dort ist er bekannter als in Deutschland.

Von 1817 bis 1820 reiste Martius gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist von Spix (1781-1826) durch das heutige Brasilien. Von Rio aus gelangten sie an die Mündung des Amazonas. Sie konnten sich darauf berufen im Auftrag des bayerischen Königs zu reisen. Von dort aus unternahmen die beiden Forscher mit acht indianischen Ruderern ihre Fahrt den Amazonas hinauf.

In Ega, dem heutigen Tefé trennten sich die beiden und Martius befuhr den Japurá. Beide Forscher legten unter schwierigsten Bedingungen insgesamt über 10.000 Kilometer zurück. Es war eine der größten und teuersten Forschungsreisen der damaligen Zeit.

Tausende von Tierpräparaten in den Koffern

Auf ihrer Reise trugen sie botanische und zoologische Sammlungen zusammen. Insgesamt brachten sie 3541 Tierpräparate und 6.500 Pflanzenarten nach Europa zurück. Überdies hatten sie Gesteinsproben und Mineralien in ihrem Gepäck.

Karte der Reise Martius
Karte von Brasilien: Eingezeichnet die Reiseroute von Martius und Spix 1817-20 

Martius fühlte sich besonders zu der Pflanzengruppe der Palmen hingezogen. Nach seiner Ankunft in München begann er dann auch sofort mit der Arbeit an einem botanischen Werk über die Palmen. Schließlich, im Jahre 1850 sollte das Werk „Historia naturalis palmarum“ seinen Abschluss finden. Es umfasst drei Bände von insgesamt 550 Seiten mit 135 detailgenauen Abbildungstafeln über Wachstum, Blüten und Früchte der Palmenarten Amazoniens.

Martius behandelt in diesem Werk alle Aspekte, so auch ökonomische, medizinische und kulturgeschichtliche. Überlegungen zur Verbreitung der Palmen und der Pflanzengeographie generell runden das Werk ab.

Martius: Gesamtübersicht der Flora Brasiliens

Sabal Palmetto
Sabal palmetto (=Sabal umbraculifera) „Historia naturalis palmarum

Diese Naturhistorie der Palmen bietet ein umfassendes Bild dieser großartigen Pflanzengruppe. Deshalb ist sie auch heute noch von originärer Frische und großer wissenschaftlichen Bedeutung. So jedenfalls bewertet sie der Autor von „Brasilianische Reise 1817-1820: Carl Friedrich von Martius zum 200. Geburtstag“ aus dem Jahre 1994.

Dort erfährt man auch, dass die wenigen, noch existierenden Exemplare dieses botanischen Prachtwerkes heute einen hohen Preis erzielen. In einem englischen Auktionskatalog steht als Preis 27.000 englische Pfund. So lange man Palmen nennt und Palmen kennt, wird man auch den Namen Martius mit Ruhm nennen. Dies soll Humboldt über die Palmen-Monographie gesagt haben.

Martius wagte darüber hinaus den Versuch einer Gesamtübersicht der Flora Brasiliens. Schon 1833 erschienen zwei erste Bände. Am Ende beinhaltete sein Werk „Flora Brasiliensis“ über 22.767 Arten, darunter 5869 neue, bis dahin unerforschte Arten! Martius war nicht nur als Botaniker an dem Werk beteiligt, sondern managte 65 Mitarbeiter. Weiterhin sorgte er für die Finanzierung des Mammutwerks. Dafür gewann er den Kaiser von Österreich und den König von Bayern als Sponsoren für das Werk.

Neben den botanischen Werken steht die bedeutende ethnographische Kollektion. Denn sie ist mit ihren über 600 Gegenständen eine der ältesten und berühmtesten Amazonas-Sammlungen der Welt. Diese Sammlung ist im Staatlichen Museum für Völkerkunde München zu sehen. Doch viele der Indianerstämme, die Spix und Martius besuchten, sind inzwischen untergegangen. Oder sie haben ihre Selbständigkeit und Kultur verloren. So gewährt die Sammlung vor allem Einblicke in eine untergegangene Welt. Die Ausstellungsstücke erzählen vom Leben der Indianer vor fast 200 Jahren.

Indianer: Einer der zwölf Stämme Israels

Zu Martius Zeit glaubte man noch fest an den biblischen Ursprung der Menschheit. Deshalb vermutete man in den Indianern einen der zwölf Stämme Israels. Die Nachkommen von Erzvater Jakob mussten immer dann herhalten, wenn neu entdeckte Völker im biblischen Geschichtskonzept unterzubringen waren. So formuliert es Frank Semper in seinem Reisebericht „Tor zum Amazonas“.

Nach Semper hegte Martius bereits Zweifel an der damaligen Ansicht über den biblischen Ursprung der Menschheit.

Martius ahnte, dass die europäische Weltsicht in Amerika scheitern würde. Aber seine Zweifel gegenüber der Geschichtsdeutung der Kirche waren noch zu zaghaft. Das Postulat des göttlichen Ursprungs der Welt zu stark verankert.

Doch einige Jahrzehnte später zerlegten die englischen Naturalisten Russel Wallace und Darwin diese Weltsicht gründlich. Denn die beiden stellten die Frage nach der Herkunft der Menschheit auf eine neue, biologische Grundlage stellten. Dazu hatten sie ihre Beobachtungen in Südamerika geführt. 

 

Spix´ Reiseatlas
Orignial-Dateien der Digitalisierung von Spix‘ Reiseatlas (1823-1831 Reise in Brasilien auf Befehl Sr. Majestät Maximilian Joseph I. König von Baiern in den Jahren 1817-1820 gemacht und beschrieben – Atlas)

Martius konnte bereits auf die Erfahrungen Alexander von Humboldts zurückgreifen. Doch was erlebte Humboldt auf seinen Fahrten in den Amazonas Dschungel? 

Quellen:

  • Brasilianische Reise 1817-1820: Carl Friedrich Philipp von Martius zum 200. Geburtstag herausgegeben von Jörg Helbig , Hirmer Verlag München 1994
  • Semper, Frank: Tor zum Amazonas, Sebra Verlag1999
  • Reuter, Peter W.: Die Exploratoren des grünen Universums, in: GEO Special Amazonien, Hamburg 1994

Bildernachweise:

Bernd Kulow
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Als Journalist gestalte ich diese Webseite. Gearbeitet habe ich für dpa, DIE ZEIT, stern, Frankfurter Rundschau, Hörfunk und Fernsehen. Der Regenwald hat mich von klein auf fasziniert. Mehrfach war ich in Mittel- und Südamerika unterwegs. Dabei hat der Amazonas Dschungel den stärksten Eindruck hinterlassen. Heute lebe ich als freier Journalist, Fotograf und Webdesigner im schönen Freiburg. Ich danke allen, die über die Werbebanner und -links bestellen. Damit unterstützen Sie meine Arbeit für diese Webseite ohne selber Nachteile zu haben.Wir dürfen diesen wertvollen Wald nicht weiter vernichten. Action! Tun wir etwas dagegen.

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